Der Tjur Ruset in Schweden

Ein Erlebnisbericht von einem etwas anderen Crosslauf: Der Tjur Ruset 2009 in Schweden
(von Jochen Schreiber, der z.Zt. in Stockholm lebt)

Jochen Schreiber, StNr. 3776, nach der Tjur Ruset 2009

„So einen Quatsch musste ich bei der Armee machen, und Du bezahlst auch noch Startgeld dafür…?“ Wenn ich Kollegen hier in Schweden vom Tjur Ruset erzähle, stoße ich nicht immer auf Verständnis und Begeisterung. Und doch machen sich jedes Jahr im Herbst tausende Läufer auf, um bei einem einzigartigen Crosslauf Moore, Wassergräben und andere Hindernisse zu überwinden.
Der Tjur Ruset (zu deutsch etwa „Stier-Rennen“) ist ein populärer Lauf über 10 km in Schweden und findet jedes Jahr im Oktober in der Umgebung von Stockholm statt. Strecke und Austragungsort wechseln von Jahr zu Jahr und werden erst einige Tage vor dem Start bekanntgegeben.

Dass Schweden eine Läufernation ist, fällt bei vielen Gelegenheiten auf. Wer die zahlreichen Läuferinnen und Läufer auf Stockholms Strassen sieht, wundert sich kaum noch, dass zum spätsommerlichen Frauenlauf über ca. 10 km über 26.000 Starterinnen antreten. Aber ein brachial anmutender Crosslauf, der mit schlammverschmierten Gestalten in Wassergräben ums Teilnehmen wirbt, weckte bei mir eine spezielle Neugierde…

Als ich mit dem Vorortzug aus Stockholm, der zum größten Teil mit Läufern besetzt ist, im Ort Västerhaninge ankomme, hat es angefangen zu nieseln. Ein grauer Herbsttag, und das ist nicht unwillkommen, denn strahlender Sonnenschein hätte vom Gefühl her nicht gepasst zu einer solchen Veranstaltung. Wenn schon ungemütlich, dann auch richtig…!
In der immer dichter werdenden Läufermenge auf dem Weg zum Start fange ich Gesprächsfetzen auf, die sich vor allem um Matsch und Wassergräben drehen. Doch ansonsten deutet im Gewusel vor dem Start wenig darauf hin, dass dies ein ungewöhnlicher Lauf werden würde. Ich frage mich in den Sekunden vor dem Startschuss, wie diese Menschenmenge wohl auf die engen Waldwege passen wird. Insgesamt 4612 Läuferinnen und Läufer sind es an diesem Tag, nicht übel für einen Crosslauf…

Und es geht gleich richtig los: Fünfzig Meter nach dem Start geht es eine lange steile Anhöhe aus Sand hoch. Die ersten straucheln im Gedränge, man muss zeitweise die Hände zur Hilfe nehmen. Oben angekommen ist man warm. Sehr langsam geht es weiter durch den Sand, schließlich ist dieser mit großen Steinen gemischt, die vor allem auch unter der Oberfläche lauern. Meine Stoppuhr habe ich ohnehin zu Hause gelassen, es geht nicht um Bestzeiten beim Tjur Ruset, der Weg ist das Ziel… Und da der Lauf jedes Jahr woanders stattfindet, muss man auch keinen Zeiten aus dem Vorjahr hinterher jagen.

Dann habe ich den Sand hinter mir, fester Boden wartet, nur einige kleine Pfützen, und so geht es eine Weile weiter. Doch alles nicht so wild wie angekündigt, bisher eigentlich ein ganz entspannter Crosslauf… Das Gejohle, was aus einiger Entfernung zu hören ist, kommt jedoch schnell näher und schon taucht der erste Graben vor mir auf: „Neun Grad!“ werde ich freundlichst von einem Streckenposten informiert. Kurz der rettende Gedanke, aber nein, zu breit zum Drüberspringen, daran haben die Veranstalter wohl auch gedacht. Das wäre nicht der Sinn der Sache. Augen zu und durch! Das Wasser geht bis zur Hüfte. Das ging ja noch… Ich fühle mich eher erfrischt als zu kalt.
Dann verlagert sich das Geschehen auf enge Waldwege und der erste Stau ist die Folge. Aber nur wenige versuchen, sich den Weg durch das Unterholz zu bahnen. Die Stimmung ist ruhig und entspannt. Hier geht es um Spaß, das ist den meisten Teilnehmern anzumerken. Und Spaß haben auch die meisten auf der zunehmend unwegsamen Strecke. Es geht große, moosbewachsene Felsen hoch, über Baumstämme und durch knietiefen Matsch. Ebenso wie den Untergrund behalte ich die anderen Läufer im Auge, um auszuweichen, falls vor mir jemand abrutscht bei der Kletterei. Die Felsen sind glitschig, und mehr als einmal muss ich mich an Ästen wieder herunterhangeln.
Bei allem Adrenalin kommt man nicht umhin, von der Atmosphäre fasziniert zu sein. Die Luft ist kalt, und über der langen Schlange von Läufern steigt eine regelrechte Wand aus Dunst von den erhitzten Körpern auf. Dazu der Nieselregen in einem schwedischen Herbstwald, der in allen Gelbtönen leuchtet, gemischt mit den Geräuschen hunderter Füße auf nassem Untergrund.

Tjur Ruset

In der Ferne ist nun wieder Gejohle zu hören und die Spannung steigt, welcher Höhepunkt als nächstes warten mag. Diesmal ist es nicht mit einem Graben getan: es geht durch einen Sumpf. Kaltes Wasser reicht bis zum Oberschenkel, und etwa hundert Meter weit wate ich durch den Morast und versuche, das Gleichgewicht zu behalten. Wer das nicht schafft, ist meist für einen Moment ganz verschwunden, aber dafür wenigstens für kurze Zeit wieder sauber. Irgendwann ist man durch. Wie Schiffbrüchige kriechen die meisten wieder auf den festen Boden. Die Stimmung aber ist nach wie vor bestens.
Ein weiterer Höhepunkt ist der nächste Wassergraben, der deutlich breiter ist als der erste und um einiges tiefer. Da an dieser Stelle aber ohnehin niemand mehr eine trockene Stelle am Körper hat, werfen sich die meisten Läufer mit einem Hechtsprung hinein. Im Wasser staut sich die Menge, weil man an der glitschigen anderen Seite nur schwer wieder hochkommt. Knapp bis zum Hals reicht mir das Wasser. Dann ist es geschafft und ich bleibe ein paar Sekunden stehen, um das Spektakel im Graben anzuschauen, bis die Kühle mich weitertreibt. Kurz streift mich der Gedanke, wie wohl die kleinwüchsige Frau da durchgekommen ist, die ich kurz vor dem Graben überholt habe…

Ein paar freundliche Gemeinheiten haben sich die Veranstalter für die letzten zwei Kilometer noch einfallen lassen. Mal liegen Autoreifen auf der Strecke ausgebreitet, wo man elegant von Loch zu Loch hüpfen muss, ein Stück weiter ist über einer Pfütze in geringer Höhe ein waagerechtes Gitter montiert. Unten durchkriechen, bitte!
Schließlich beginnt wieder der altbekannte Sand und hinter einem Hügel taucht das Ziel auf. Fast schade, dass es schon vorbei ist, schießt mir durch den Kopf, aber dieser Gedanke wird schnell von der Vorfreude auf ein heißes Getränk verdrängt. Im Zieleinlauf gibt es doch tatsächlich Kaffee und Zimtschnecken. Typisch Schweden! Ohne Kaffee geht hier gar nichts. Der Tisch mit dem heißen Tee wartet jedoch direkt dahinter. Jetzt nur noch die vor Dreck starrenden Klamotten vom Körper bekommen, und bald darauf sitze ich im Zug in Richtung der heimischen Badewanne.
Dass ich zum ersten Mal mehr als eine Stunde für 10 km gebraucht habe, stört mich nicht im Geringsten. Die Stimmung beim Tjur Ruset ist ein Erlebnis, und den Lauf selbst wird man auch nicht so schnell vergessen. Ich melde mich noch am selben Abend für das nächste Jahr an.

Jochen Schreiber
lebt z. Zt. in Stockholm.
Im Februar lief er 80 km von Upsala nach Stockholm auf Schlittschuhen .

Zahlreiche Fotos, Videos und weitere Infos (leider nur auf Schwedisch) gibt es im Internet unter www.tjurruset.se. Der nächste Tjur Ruset findet am 8. Oktober 2011 in der Umgebung von Stockholm statt.

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