Alpentriathlon

ALPENTRIATHLON – ODER DIE ANGST DER FLACHLÄNDLER VOR DEN BERGEN (von Bruni Prasske)
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[inspic=901,left,fullscreen,150]Eigentlich sollte es nur ein ganz normaler Aktivurlaub in der Steiermark werden. Als sportlich aktives Pärchen aus der Großstadt wollten wir uns per Mountainbike zu moderaten Tagestouren aufmachen und die heile Welt der Heidis und Geißenpeters von oben anschauen. Doch dann fiel uns, während einer verdienten Rast in einer Jausenstation, DER ENNSTALER in die Hände. Das farbbefreite Regionalblatt glänzt durch Beiträge über örtliche Marschkapellen und rauschende Almfeste. Auf der letzten Seite fand sich ein Hinweis zum Aicher Alpen-Triathlon und brachte Aufruhr in unsere Ferienplanung. ALPENTRIATHLON – allein schon das Wort treibt die Fantasie von Flachlandtirolern in luftige Höhen. Die einzelnen Distanzen wirkten irritierend: 150 m Schwimmen (in eiskaltem Gletscherwasser?), 13 km Mountainbiken (Singletrail mit 20%tiger Steigung und 30%tiger Neigung?), 7 km Laufen (über Stock, Stein und Klettersteig?) Die Olympische Distanz hatte ich schon einmal (und nie wieder) gemeistert, und meinem Liebsten blieben noch zwei Wochen bis zu seinem Debüt beim Holsten-City-Man in Hamburg. Er bewies Mut und meldete sich im Gemeindeamt zur Teilnahme an.
Unser Aktivurlaub nahm ungeahnte Formen an. Aus dem Biken auf der Alpentourroute, oder dem „Radeln“, wie unsere Pensionswirtin, die Bäuerin vom Hollererhof so schön sagte, wurde eine Wettkampfteilnahme.

[inspic=903,left,fullscreen,160]Zwei Stunden vor dem Start stolzieren einige auffallend gut gebaute Herren in knappen Höschen über den Parkplatz des Naturschwimmbades, der heute als Wechselzone dient. Ihre wohl geformten Schultern werden von aufgemalten Startnummern geziert, wie sie sonst nur Profis tragen. Auch mein Liebster bekommt diese Trophäe eines echten Triathleten mit dickem Filzstift verabreicht. Irgendwie wirkt er ein wenig eingeschüchtert und lächelt erst wieder, als einer der braungebrannten Naturburschen sich eine Zigarette anzündet.
40 Männer und 3 Frauen begeben sich an den Start. Die „internationale“ Beteiligung liegt bei einem (!) Teilnehmer aus Deutschland und wird vom Stadionsprecher stolz erwähnt. Er gibt auch Streckeninfos und lässt uns über „Ladestationen“ an KM 2 und 4 der Laufstrecke rätseln. Die Wasserprobe ergibt eine annehmbare Frische, die man sicher 5 Minuten überstehen kann. Diese Gegend Österreichs ist nicht gerade gesegnet mit ausufernden Seen, wodurch sich auch
die Kurzdistanz in der kleinen „Pfütze“ erklärt.
Als der Bürgermeister in Krachlederner, gestrickten Kniestrümpfen, Trachtenschuhen und Starterpistole auf der Bildfläche erscheint, kommt Unruhe auf. Die Athleten werden ermahnt, die rote Startlinie erst nach dem Schuss zu überrennen, Schwimmbrillen werden aufgesetzt, letzte Küsse zugeworfen und schon hallt ein Knall durchs Tal.
[inspic=906,left,fullscreen,160]Nach dem üblichen Gespritze und Gerangel bewegt sich das Schwimmerfeld erstaunlich ruhig durch den See. Nur vereinzelt entdecke ich Kraultechniker. Ich erblicke meinen Schatz an siebter Position und werfe alle Bedenken über den Haufen. Vielleicht geht es hier ganz lässig zu, überlege ich, und die professionellen Bikes von Simplon und Cannondale sind nichts weiter als das Showgehabe mutiger Skiasse auf sommerlichen Abwegen. An der Wendemarke verliere ich meinen Liebsten aus den Augen und platziere mich bei der Wechselzone, um Beweisfotos zu schießen. Als die ersten Athleten vorbei hasten, bringe ich die Kamera in Position. Als bereits ein gutes Dutzend auf den Rädern sitzt, taucht er endlich vor meiner Linse auf.
„Super!“, rufe ich, „weiter so! Du liegst hervorragend im Rennen!“ Ich deute sein schiefes Lächeln als gutes Zeichen und hasste zum nächsten strategisch wichtigen Betreuungspunkt. Wir sind am Anstieg zur Bergetappe verabredet. Während die Biker eine Schleife im „Flachland“ drehen, bleiben mir etwa 10 Minuten, um eine Steigung hinauf zu hetzen. Schon nach wenigen Minuten entdecke ich einen einheimischen Fan in ähnlicher Mission, aber mit PKW. Als ich auf dem Beifahrersitz Platz nehme, haben wir schon die wichtigsten Infos ausgetauscht: Er ist ebenfalls ein wasserscheuer Marathoni, versteht meine Betreuerrolle und wartet gleich mit einer Erklärung (in steirischer Mundart), für das moderate Schwimmtempo auf. Ich interpretiere, dass es am hiesigen Mangel an Schwimmgelegenheiten liegt. „Aoba de Kindler Michael is gua drauf, nua 4 Minuten.“
[inspic=902,left,fullscreen,160]Schon haben wir die Radstrecke erreicht, wo weitere 10-12 Fans am Wegesrand stehen. „Wie ist das Profil da oben?“, frage ich mit einem Blick auf die anstehenden 400 Höhenmeter. „Doa auffi muast scho guad drauf sei!“ Diese Information aus dem Munde eines Einheimischen macht mir Angst um meinen Schatz.
Die ersten Biker wiegen sich locker an uns heran und ich habe Bilder von Jan Ullrich am Alpe d’Huez vor Augen. „Oberauer Peter kiemmt scho!“ Gefolgt von Forstner Andreas. Aber wo bleibt mein Liebster? Nach vielen weiteren Minuten rauschen die ersten Jugendlichen vorbei, und ich werde über Namen und Alter aufgeklärt. Offenbar werden die Jungs hier noch vor den ersten eigenen Schritten aufs Rad gesetzt. Dann endlich kommt mein Held! Seine Beine fliegen. Welchen Gang hat er eingelegt? Ich atme tief durch und sporne ihn an. Einige Hundert Meter laufe ich neben ihm her, schubse ihn ein wenig an und ernte die neidischen Kommentare seiner Konkurrenten. „Beim Schwimmen hatte ich Blei in den Armen!“, keucht er noch, bevor er auf einem schmalen Weg verschwindet.
Eine Ecke weiter wird er hoffentlich ganz bald den Berg herunter geflogen kommen. Die zweite Frau im Rennen, ganz in Blau, dient mir zur Orientierung. Sie ist nur kurz hinter ihm. Mittlerweile höre ich schlimme Details über die Bergetappe, und als die Dame in Blau ohne meinen Schatz an uns vorbei saust, ist mir schon ganz bange. Ich muss Geduld zeigen, aber dann kommt auch er! Hier sehe ich ihn nur für Sekunden. Genug, um seine Worte, „das ist der Wahnsinn, da oben“, zu hören.
Nun aber schnell zur Wechselzone, Fotos schießen und ganz viele Ermunterungen rufen. Als er das Rad abgestellt hat, kann er noch lächeln, aber seine Füße wollen der Erdanziehung nur ungern widerstehen. Jetzt nur nichts Falsches sagen!
„Super, mein Schatz! Bald hast du es geschafft!“ Na ja, war wohl nicht ganz gelungen. Sieben Kilometer können verdammt lang sein. Wo ist das Feld geblieben? Warum folgen ihm kaum mehr als eine Handvoll Athleten? Dann sehe ich ihn hinter einer Biegung verschwinden und laufe ihm auf dem Rundkurs entgegen. Der angehende Sieger kommt mir schon nach wenigen Metern entgegen. Rasch werfe ich ihm Glückwünsche zu und haste weiter. Kurz darauf brandet der Applaus unter den geschätzten 50 Zuschauern auf. Der junge Mann läuft noch immer locker und ist kaum mehr als eine Stunde unterwegs gewesen. Nun habe ich für einige Kilometer die Gelegenheit, das Feld an mir vorbei laufen zu lassen. Es ist derart weit auseinander gerissen, dass ich jeden Einzelnen anfeuern kann. Die Jugendlichen grüßen irritiert und freundlich zurück. „Grüss di!“ Bald stehe ich allein im Wald und inspiziere den verwurzelten Weg, der an manchen Stellen bedenklich abschüssig wird. Zum Glück ist es trocken. Da lobe ich mir die Elbchaussee als Rennstrecke.
[inspic=904,left,fullscreen,160]Wenn ich meinem Schatz noch weiter entgegen laufe, dann ist er womöglich total entmutigt.
Die erste Frau ist schon lange im Ziel und bald entdecke ich auch die Athletin in Blau. Ob er gestürzt ist, aufgegeben hat oder einfach nur fertig ist?
Dann sehe ich seine kräftige Gestalt den Waldweg herunter kommen. „Mein Held! Bravo! Ganz toll!“ Er lacht.
„Schön … da.. du da bist“, scheint er zu sagen, „Danke.“
„Nicht sprechen! Jetzt geht es nur noch runter. Es ist nicht mehr weit. Da vorn ist schon der Fluss, dann kommt der ebene Weg, bald sehen wir das Dorf und dann hören wir auch schon den Stadionsprecher! Dort kannst du dich feiern lassen.“
„Am Ende … noch eine Steigung!“
„Nur eine ganz Kleine. Das schaffst du schon.“
Als ein schwergewichtiger Herr uns schnaubend überholt, versuche ich meinen Schatz mit Urlaubserinnerungen abzulenken.
Eine Handvoll Fans warten am Ortseingang, das Begleitmotorrad filmt uns sogar, und ich lasse meinen frisch gebackenen Alpentriathleten allein über die Ziellinie laufen.
Ich sehe noch, wie er die Arme hoch reißen kann und bekomme eine wohlige Gänsehaut.

P.S. Das Finisher-Shirt trägt er mit größter Würde. Bei Tag und bei Nacht! Unterm Ärmel blitzt auch nach Tagen die Nummer 66 hervor.

(Bruni Prasske ist Buchautorin und läuft seit 10 Jahren regelmäßig. Seit 2000 ist sie glückliche Marathonläuferin. 2003 absolvierte sie ihren ersten Triathlon über die olymp. Distanz. Sie war schnellste Läuferin beim Worpsweder Crosslauf 2005 auf der Langstrecke. Sie sagt: „Sport spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle“ Infos: www.bruni-prasske.de ) Ihre Bücherliste ist u.a. bei amazon.de zu finden.

Links zum Thema:
Aigner Jedermann-Triathlon (Nächster Termin: 14. Juni 2008)
Gemeinde Aigen im Ennstal / Österreich (650 m Höhe / 2.566 Einw.)

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